Monday, June 27, 2011

Von Rein- und Wasserfällen

Eine Fahrt durch endlose Bananenplantagen und wolkenverhangene Berge brachte uns in eine Stadt namens Riobamba.
Der Plan war: Den Samstagsmarkt besuchen, ein bisschen durch die Stadt bummeln und am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe in einen Museumszug steigen.
Dieser Zug sollte laut Reiseführer von einer Dampflok gezogen werden und auf einem Abschnitt der ehemaligen transandinen Eisenbahn bis zum "Nariz del Diablo",
der Teufelsnase, fahren. Auf dem schönsten Teil der Strecke sollte es möglich sein, die Aussicht vom Dach der Waggons aus zu genießen.
Die ecuadorianische Regierung durchkreuzte unseren Plan: Um die alte Eisenbahnstrecke wieder zu reaktivieren und in einigen Jahren wieder
Züge von der Küste in die Hauptstadt anbieten zu können, waren die alten Gleise auf dem größten Teil des Weges erstmal abgerissen worden. Der erwähnte Museumszug fuhr daher nicht von Riobamba, sondern nur von Alausi, einem Ort in der Nähe der Teufelsnase, zu dem man erstmal zwei Stunden lang mit dem Bus fahren darf.
Nun gut. Dort angekommen warteten die nächsten beiden Enttäuschungen auf uns: Der Zug wurde von einer ganz gewöhnlichen Diesellok gezogen, und wegen eines Unfalls vor ein paar Jahren durfte niemand mehr aufs Waggondach. Was blieb also? Eine Fahrt durch eine zugegeben schöne Landschaft in einem teilweise alten Waggon, in den neue Sitze eingebaut waren. Leider waren die Schluchten teilweise so steil, dass aus den Fenstern nur ein Teil der Wände zu sehen war - der Ausblick vom Dach wäre wirklich um einiges besser gewesen.

Die Teufelsnase selbst ist eine Bergflanke, an der beim Bau der Strecke vor gut hundert Jahren die Steigung nicht mehr mit gewöhnlichen Mitteln zu überwinden war. Daher waren die Eisenbahnbauer gezwungen, das Gleis in Z-Form an den Berg zu schmiegen. Der Zug muß also zweimal die Fahrtrichtung ändern, um den Berg runter oder wieder heraufzukommen. Das ist zwar ungewöhnlich, aber für Nicht-Eisenbahnfreaks nur mäßig aufregend.
Am Fuß des Berges gab es dann noch eine Stunde Aufenthalt mit Gelegenheit zum Fotos machen, der Dorfjugend beim Volkstanz zusehen, Souvenirs erwerben und natürlich zum Essen und Trinken.

In der "Originalversion" mit längerer Fahrt, Dampflok und Aussichtsdach hätte es sich bestimmt gelohnt. So, wie es dann war, eher nicht.
Irgendwie ist es auch eine traurige Geschichte: Beim Bau dieses Eisenbahnabschnitts sind damals angeblich zweieinhalbtausend Arbeiter bei Unfällen und durch Seuchen ums Leben gekommen, und heute ist er nur noch eine lauwarme Touristenattraktion.
Es gibt in Ecuador natürlich auch erheblich wärmere Attraktionen, weshalb wir am folgenden Tag Riobamba verließen.
In Richtung Amazonasbecken liegt ein sehr schönes Tal mit einem überschaubaren Ort namens Baños. Wie der Name und Überleitung vermuten lassen gibt es dort heiße Quellen, in deren Wasser man baden kann, wenn man denn hineinkommt. Wir mußten fast schon etwas schieben, um noch einen Stehplatz im Becken zu bekommen. Vielleicht ist der Sonntagabend auch nicht der ideale Zeitpunkt dafür, wenn man gerne mehr Platz hätte. Der Kontrast zwischen der kühlen Abendluft und dem warmen Wasser oder auch - in einem anderen Bereich - zwischen eiskaltem und fast schon zu heißem Wasser ist aber auch einfach zu gut, um diese Bäder nicht zu besuchen.
Am nächsten Tag wollten wir eine Radtour machen, um ein für seine Wasserfälle bekanntes Tal zu sehen. Die Abfahrt verzögerte sich zunächst etwas, weil der freundliche Mensch vom Fahrradverleih einen der zugesagten zwei Kindersitze bei unserer Ankunft erstmal kaufen ging und montieren mußte. Aber immerhin, wir konnten fast schon wider Erwarten mit den Jungs das Tal erkunden.

Die Aussicht war grandios, und es ging oft genug bergab, dass wir uns von den Steigungen erholen konnte.
Den Schlußpunkt unserer kleinen Tour bildete ein Wasserfall namens "Pailón del Diablo", was wohl soviel wie Zuber des Teufels heißt. Dieser liegt etwas abseits der Straße, und der Fußweg dahin ist dank üppiger Vegetation mit Baumfarnen fast schon allein die Anreise wert.

Vom Wasserfall war überhaupt nichts zu sehen, aber die uns entgegenkommenden Leute waren alle auffällig nass. Den Grund dafür erfuhren wir am Ende des Weges.
Hier gab es mehrere Aussichtsterassen, die direkt neben dem Wasserfall gelegen waren und deshalb ständig von der Gischt beregnet wurden. Aber was für eine Aussicht sie boten!


Es war weder der höchste Wasserfall, den ich je sah, noch der mit der größten Wassermenge, doch bei weitem der spektakulärste. Das Wasser stürzt sich über eine Kante und danach ungebremst im freien Fall in die Mitte eines Kessels aus Stein, von wo aus ein großer Teil dank der Wucht wieder nach oben prallt und in unregelmäßigen Wellen die Wände des Kessels mit enormen Mengen Gischt überschüttet. Der höchste Aussichtspunkt befindet sich direkt unter der Kante, das Wasser braust dort mit weniger als zwei Metern Abstand über den Besucher hinweg. Dieser Platz kann nur durch einen Gang erreicht werden, in dem sich selbst Jan zeitweise etwas bücken mußte.
Der zweithöchste Aussichtpunkt erlaubt einen Blick abwärts parallel zum Wasserfall. Es fühlte sich an, als würde man von den Wassermassen mit nach unten gezogen. Zusammen mit Gischt und Lärm sorgte der Besuch dafür, dass wir sowohl tief beeindruckt als auch tief durchweicht waren.
Der Rückweg nach Baños war nahezu mühelos, da es geschäftstüchtige Menschen gab, die die Wasserfallbesucher samt ihrer Fahrräder mit einem Lastwagen zurückbeförderten.
Am nächsten Morgen schien vom Hostal aus betrachtet der Himmel wolkenlos zu sein. Endlich eine Gelegenheit, den nah am Ort gelegenen Vulkan Tungurahua zu sehen.
An einer Stelle angekommen, von wo aus man ihn eigentlich besonders gut sehen könnte, durften wir leider feststellen, dass die einzig nennenswerte Wolke genau diesen Gipfel umhüllte.
Also brachen wir in Richtung Quito auf, ohne das Wahrzeichen von Baños gesehen zu haben.