Wednesday, April 27, 2011

Serere

Am Ostersonntag also brachen wir in den Regenwald auf... der seinem Namen leider zunächst alle Ehre machte. Schon in der Nacht hatte es wie aus Eimern gegossen und am Morgen tropfte es munter weiter. Am Büro des Veranstalters angekommen erfuhren wir, dass Gummistiefel äußerst empfehlenswert wären. Natürlich nicht in Kindergrößen vorhanden. Natalia ging also Stiefel für die Zwerge und Regenponchos für alle besorgen, die dann auch auf der etwas mehr als zweistündigen Bootsfahrt dringend nötig waren. Die Kinder saßen einfach mit unter dem "Zelt" und verschliefen das Sauwetter. Für die irgendwann angereichte Mahlzeit zog ich mich zu Jakub unter die Plane zurück.
Nach der Fahrt über den Fluss kamen wir an einem vom Regen total aufgeweichten Steilufer an, das wir dann, kleinere Spalten von über einem Meter Tiefe übersteigend, erklimmen durften. Als nächstes stand der unangenehmste Teil der Reise an: Über eine halbe Stunde mit Gepäck (zum Glück hatten wir das meiste in Rurrenabaque eingelagert) und nicht besonders zufriedenen Kindern durch richtig tiefen, zähen, an den Stiefeln zerrenden Schlamm. Die Jungs mußten wir natürlich den größten Teil des Weges auf den Schultern tragen, was dank der matschigen Stiefel unsere Jacken bald mit dem Weg farblich vorzüglich harmonieren ließ.
An den Unterkünften angekommen gab es eine sehr angenehme Überraschung: Die Hütten standen nicht nur mitten im Wald, man fühlte sich auch im Inneren wie mitten im Dschungel. Die Wände waren nämlich (vom Bad abgesehen) weggelassen worden, stattdessen gab es von oben bis unten nur Moskitogitter, so dass wir nicht nur Tag und Nacht den perfekten Regenwald-Soundtrack hatten - Zikaden, Frösche, Brüllaffen, Vögel - sondern auch sämtliches Tierleben (Kapuzineraffen in den Bäumen) bequem aus dem Bett beobachten konnten, ohne dabei nennenswert von Mücken belästigt zu werden.
Zum Leidwesen der Jungs wurden sämtliche Mahlzeiten in einem großen Haus ungefähr fünfzehn Minuten entfernt an einem der Seen eingenommen. Im Erdgeschoss gab es die Mahlzeiten, an einer langen Tafel wurden uns Köstlichkeiten aufgetischt, die wir bei dieser Abgelegenheit nicht unbedingt erwartet hätten. Täglich ein gutes Frühstück und noch zwei warme Mahlzeiten. Das gab Kraft genug für diverse Ausflüge auf den Wanderwegen innerhalb des Schutzgebietes und Paddeltouren auf zwei der Seen, nach deren Ende wir die Wartezeit aufs Essen in den Hängematten im zweiten Stockwerk mit gutem Seeblick und kühlender Brise verbringen konnten. Leider war das Abendessen erst gegen acht Uhr, was bei den Jungs auf wenig Verständnis stieß.
Die Spaziergänge - Wanderungen wäre etwas übertrieben - führten uns durch einen bilderbuchmäßig verschlungenen Dschungel mit großen Spinnennetzen, Urwaldriesen mit gewaltigen Brettwurzeln, Lianen über Lianen, wilden Papayas und Kakaobäumen und im immer noch reichlich vorhandenen Schlamm Tapir- und Jaguarspuren. Abends konnten wir an unserem See kleine Kaimane sehen, aus dem Unterholz hörten wir das Grunzen von Pekaris und nachts rief etwas wie eine Kuh - eine Art Reiher, wie sich bei anderer Gelegenheit herausstellte. Zur Orientierung und Information stand uns ein persönlicher Führer zur Verfügung, der auch genug Geduld mit dem Marschtempo unseres Nachwuchses hatte.

Von ihm stammte auch der Vorschlag, Piranhas zu fischen. Als Köder werden kleine Fleischstücke verwendet und es ist - zum Glück! - auch völlig egal, ob man laut oder leise ist oder im Boot herumstampft oder sonstwas macht. Sie beißen so gerne nach dem Köder, wie man es dem Klischee nach erwarten darf. Das Fleisch war meistens schnell weg, nur der Haken war selten da, wo er hinsollte. Als Beilage zum Abendessen hat es dennoch gereicht.
Die Bootstouren waren auch fantastisch, wenn man die viel zu schweren, grob geschnitzten Holzpaddel mal außer Acht läßt. Umgestürzte Bäume, lianenumschlugen über und unter Wasser. Am hellichten Tag unter den überhängenden Ästen flatternde Fledermäuse, die wir wohl aufgeschreckt hatten. Über uns rote Aras, die einen gewaltigen Krach machten und sich für eine Weile in einem etwas weiter entfernten Baum beobachten ließen. Teichhühner, die total hysterisch mit einem Mordsgeschrei Deckung suchten. Ein Fischadler, der sich bei unserem Anblick erhob und eine ruhigere Ecke suchte. Und immer wieder die Namensgeber des Reservates, auf Deutsch Hoatzin genannt. Ein überaus merkwürdiger Vogel der fliegt, als müsste er es noch lernen und sich anhört, als hätte er schweres Asthma.
Brüllaffen, deren Rufe noch sehr gut von der anderen Seite des Sees zu hören waren.
Und zwischendurch auch mal von uns unerwarteter Besuch durch Klammeraffen: Sie werden hier ausnahmsweise angefüttert, weil sie demnächst ein auszuwilderndes, verwaistes Jungtier in ihre Gruppe aufnehmen sollen. Überhaupt die Affen: Auf dem Weg zum Frühstück haben wir eine Gruppe Kapuzineraffen gesehen. Das Essen fing dann noch ein paar Minuten später an, weil in der Nähe des Haupthauses noch eine Gruppe Brüllaffen zu beobachten war. Zwei Affenarten aus der Nähe, und das noch vor dem ersten Tee...
So haben wir dann doch noch das unvereinbar erscheinende bekommen: Wilde Tiere im Dschungel beobachtet trotz der kleinen Krachmacher im Schlepptau, die auf einmal für uns überraschend lange laufen und still (oder fast still) sein konnten. Danke!

Abend am Rio Beni