Saturday, April 9, 2011

Adios Sucre!

Die Werktage in den letzten zwei Wochen liefen nach der bereits eingespielten Routine ab: Viertel vor sieben aufstehen, Frühstück, zum Kindergarten gehen, zur Sprachschule. Ein paar Stunden büffeln, Kinder abholen, was essen, ein bisschen auf den Spielplatz oder auf die Plaza oder ins Hostal. Je nach Wetter und Hausaufgabenpegel die Kinder nachmittags nochmal in den Kindergarten bringen, Hausaufgaben, Abendessen und während die Kinder schlafen gehen oder schon schlafen weiter Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben. Zumindest kommt es mir so vor, daß wir ständig nur noch Hausaufgaben gemacht haben - in meinem gerade aktuellen Roman bin ich jedenfalls kaum weiter gekommen. Na gut, das kann auch an einer gewissen Dosis spanisch untertitelter amerikanischer Sitcoms liegen. Zu berichten gibt es also hauptsächlich von den Wochenenden. An einem recht sonnigen Samstag sind wir dem Ruf der ausliegenden Informationszettel gefolgt und 45 min von Sucre entfernt in ein kleines Kaff gefahren, in dem es auf den ersten Blick nichts zu geben scheint. Dort steht allerdings ein kleines Schild am Wegesrand: "Palmas de Agua - Piscina". Dahinter verbirgt sich ein recht nettes kleines Freibad in einem hübschen Garten mit vielen Blüten und Papaya-Bäumen.
Dort haben wir faulenzenderweise den Tag herumgebracht, während die Kinder immer wieder das Planschbecken unsicher machten. Das war das Bonbon für die Kleinen - der Ausgleich folgte am nächsten Tag. Zunächst haben wir das Hostal gewechselt. Das Neue war zwar etwas weiter von der Plaza entfernt, allerdings hat es einen Garten, den abwechselnd ein paar Kaninchen, ein Yorkshire-Terrier, ein Dalmatiner und die Kinder der Hausangestellten mit ihren Freunden unsicher machen. Das schien uns dann doch etwas angenehmer als der - wenn auch schöne - gepflasterte Hof des vorherigen Hostals. Ein weiterer Bonus: Wir durften Kühlschrank und Küche benutzen, was wir auch einige Male ausgenutzt haben.

Nach dem Umzug sind wir in einem rappelvoll gestopften Kleinbus mit ziemlich üblen Sitzen nach Tarabuco gefahren. Das ist ein Dorf zwei Stunden von Sucre entfernt, in dem an jedem Sonntag ein großer Markt für die Bewohner der Umgebung - und natürlich auch für die Touristen - stattfindet. Dort kann man allerlei Artikel des täglichen Bedarfs aber auch Kunsthandwerk, Kleidung und Decken in den typischen traditionellen Mustern erwerben.
Das bunte Treiben dort und die Auslagen der Geschäfte haben wir uns zu unserem Vergnügen und zum Mißvergnügen der Kinder angesehen.
Am darauf folgenden Wochenende haben wir uns aufgeteilt: Natalia ging mit den Kindern Samstags nochmal in den Dinosaurierpark und Sonntags ausgiebigst auf den Spielplatz. Ich hatte solange frei und konnte mich auf andere Art vergnügen. Dieses Vergnügen fing erstmal damit an, dass ich um 4:30 morgens aufstehen und mit meinem Rucksack ein Viertelstündchen quer durch Sucre gehen durfte um zum Büro von "Condor Trekkers" zu gelangen. Das ist ein Non-Profit-Reiseveranstalter. Das, was sonst Gewinn wäre, geht an die Dorfgemeinschaften durch deren Gebiet die Touristen geführt werden.
Mit von der Partie war ein französisches Pärchen, das mir gegenüber konditionsmäßig erhebliche Vorteile hatte: Drei Monate Wanderungen in Peru. Der Führer hieß Rogelio und ist Tourismus-Student, 22 Jahre jung und sprang mit einem recht schweren Rucksack wie eine junge Bergziege herum. Naja, da war klar wer die Nachhut bilden würde...
Zunächst fuhren wir mit einem Taxi durch Nacht und über Schlammpisten zum Startpunkt der Wanderung in gut 3700 Metern Höhe. Nach einem kleinen Frühstück ging es erstmal 1200 Meter weiter runter - auf einem alten Weg noch aus präkolumbianischer Zeit.

Danach folgten wir für eine Weile einem Flußtal, um anschließend (nach einem sehr schmackhaften Picknick) einen steilen Aufstieg auf den Kraterrand eines inaktiven Vulkans anzugehen. Über einige Ziegenpfade gelangten wir dann nach insgesamt fünf Wegstunden in ein Dorf in der Mitte des Kraters, in dem wir übernachteten. Vorher gabs noch eine kleine Dusche unter einem Wasserfall am Rande eines Abgrundes mit einer Aussicht, die fast so atemberaubend war wie der kalte Bach.
Am nächsten Tag konnte ich erstaunlicherweise immer noch laufen und wir verließen den Krater auf der anderen Seite, um nach guten drei Stunden ein Dorf zu erreichen, in dem wir auf den Rücktransport warteten. Der war nun von besonderer Sorte - besser gesagt: Von ganz gewöhnlicher für die Einheimischen. Das übliche Verkehrsmittel in diesen Dörfern ist ein einmal täglich durchfahrender Lastwagen. Da eine Bestuhlung nur die Kapazität reduzieren und die Verwendungsmöglichkeiten einschränken würde wurde darauf komplett verzichtet.
Folglicherweise passen so sechzig bis siebzig Leute darauf, inklusive Gepäck. Der Normalfall ist der Stehplatz. Wenn man dann gerade schön kuschelig steht, fangen die Leute um einen herum an sich teils hinzusetzen. Die Füße eines Gringos sind da durchaus willkommen als Sitzunterlage und zum anlehnen. Nach knapp zwei Stunden hatte die Schaukelei erstmal ein Ende. Alle mußten den Laster verlassen und einen Hügel hinunterspurten um auf einer Hängebrücke einen Fluß zu überqueren, auf dessen anderer Seite - erraten! - ein zweiter Laster wartete, auf dem es noch ein bißchen enger war. Auf dem ging es dann noch mal gut zwei Stunden weiter. Zugegeben, eine interessante Erfahrung, aber eine, die ich nicht unbedingt allzubald wiederholen möchte.

Nach diesem Wochenende ging der Spanischkurs nunmehr in die vierte Woche und so langsam hatten wir das Gefühl fast schon mehr zu vergessen als dazuzulernen. Außerdem gibt es ja noch so viel anderes zu sehen und die Fanzosen auf der Wanderung hatten auch sehr von Peru geschwärmt... Daher entschlossen wir uns die Zelte abzubrechen und sind Freitag wieder - wie angekündigt - nach Potosí gefahren. Dort wollen wir uns die Sehenswürdigkeiten ansehen, die wir beim letzten Mal ausgespart hatten. Eine gewisse Anfangsmotivation für die Kinder haben wir auch schon: Im wichtigsten Museum vor Ort soll es viel Silber geben, und da die Knaben zur Zeit etwas auf dem Piraten-Trip sind, ist das schon mal ein Grund, zumindest nicht vorher herumzumaulen. Lassen wir uns überraschen...